Wie wählt man einen Anwalt in der Schweiz?
Praktischer Leitfaden für die Wahl eines Anwalts in der Schweiz: Auswahlkriterien, Anwaltsregister, Erstberatung, Honorare und Berufspflichten gemäss BGFA.
Letzte Aktualisierung : 2026-03-15
Einleitung
Die Wahl eines Anwalts ist eine wichtige Entscheidung, die den Ausgang eines Rechtsstreits beeinflussen kann. In der Schweiz sind Anwälte in ein kantonales Register eingetragen und unterliegen strengen Berufspflichten gemäss dem Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA).
Das kantonale Anwaltsregister
Jeder Kanton führt ein Register der zugelassenen Anwälte (Art. 5 BGFA). Die Eintragung im kantonalen Register ist für die Vertretung von Mandanten vor Gericht obligatorisch. Das Register ist öffentlich und kann online auf der Website des kantonalen Anwaltsverbands oder des Schweizerischen Anwaltsverbands (SAV) eingesehen werden.
Die Eintragung gewährleistet, dass der Anwalt über ein kantonales Anwaltspatent verfügt, eine Berufshaftpflichtversicherung hat (Art. 12 lit. f BGFA) und den Berufsregeln unterliegt.
Die Auswahlkriterien
Die Spezialisierung
Das Schweizer Recht kennt keine offizielle Anwaltsspezialisierung. Viele Anwälte konzentrieren sich jedoch auf bestimmte Rechtsgebiete (Familienrecht, Strafrecht, Arbeitsrecht, Wirtschaftsrecht usw.). Es empfiehlt sich, einen im relevanten Bereich erfahrenen Anwalt zu wählen.
Die Erfahrung
Die Erfahrung des Anwalts in der betreffenden Art von Rechtsstreit ist ein entscheidendes Kriterium. Ein Anwalt, der gewohnt ist, vor Gericht zu plädieren, ist in einem Prozess effizienter als ein auf Beratung spezialisierter Anwalt.
Der Standort
Im Zivilrecht bestimmt der Gerichtsstand oft die Anwaltswahl. Ein lokaler Anwalt kennt die Praxis des Gerichts und der Schlichtungsbehörde seines Kantons.
Die Sprache
Da die Schweiz vier Landessprachen hat, ist es wichtig sicherzustellen, dass der Anwalt sowohl die Verfahrenssprache als auch die Sprache des Mandanten beherrscht.
Die Erstberatung
Der Inhalt
Die Erstberatung dient dazu, die Rechtslage darzulegen, eine erste Einschätzung des Falls zu erhalten und die Strategie festzulegen. Der Anwalt informiert den Mandanten über seine Erfolgschancen, Risiken, geschätzte Kosten und erforderliche Schritte.
Die Kosten
Viele Anwälte bieten eine Erstberatung zu einem reduzierten oder festen Tarif an. Es empfiehlt sich, sich im Voraus über die Kosten der Erstberatung zu erkundigen. Die Tarife liegen in der Regel zwischen CHF 200 und 500 für eine einstündige Erstberatung.
Die Pflichten des Anwalts (Art. 12 BGFA)
Art. 12 BGFA zählt die Berufsregeln auf, denen jeder Anwalt unterliegt:
- Sorgfältige und gewissenhafte Berufsausübung (lit. a)
- Unabhängige Berufsausübung, im eigenen Namen und auf eigene Verantwortung (lit. b)
- Vermeidung von Interessenkonflikten (lit. c)
- Wahrung des Berufsgeheimnisses (lit. d, Art. 13 BGFA)
- Informationspflicht gegenüber dem Mandanten über die durchgeführten Handlungen und Abrechnung (lit. i)
Das Berufsgeheimnis ist absolut: Der Anwalt darf keine vom Mandanten anvertraute Information preisgeben, auch nicht nach Beendigung des Mandats. Dieses Geheimnis ist strafrechtlich geschützt (Art. 321 StGB).
Die Rechtsmittel bei Problemen
Ist der Mandant der Ansicht, dass der Anwalt einen Berufsfehler begangen hat, kann er:
- Eine Beschwerde bei der kantonalen Aufsichtsbehörde über die Anwälte einreichen (Art. 14 BGFA)
- Eine Haftungsklage auf der Grundlage des Auftragsvertrags erheben (Art. 398 OR)
- Bei Überhonorar die gerichtliche Festsetzung der Honorare verlangen
Die Disziplinarstrafen reichen von der Verwarnung bis zur Streichung aus dem Register (Art. 17 BGFA).
Fazit
Die Wahl eines Anwalts sollte auf Spezialisierung, Erfahrung und Vertrauen basieren. Das kantonale Register und die Anwaltsverbände liefern nützliche Informationen. Die Erstberatung ermöglicht es, die Beziehung vor einer Beauftragung zu beurteilen.
Häufig gestellte Fragen
Wo findet man die Liste der Anwälte in der Schweiz?
Jeder Kanton führt ein öffentliches Anwaltsregister (Art. 5 BGFA). Es ist online einsehbar. Der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) bietet ebenfalls ein Verzeichnis an.
Was kostet eine Erstberatung beim Anwalt?
In der Regel zwischen CHF 200 und 500 für eine einstündige Beratung. Einige Anwälte bieten einen reduzierten Tarif für die Erstberatung an.
Unterliegt ein Anwalt dem Berufsgeheimnis?
Ja, absolut. Art. 13 BGFA und Art. 321 StGB schützen das Berufsgeheimnis des Anwalts. Er darf keine vom Mandanten anvertraute Information preisgeben.
Redaktionelle Anmerkung
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information zum Schweizer Recht. Er stellt keine Rechtsberatung dar und ersetzt nicht die Beratung durch eine Fachperson.
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