Allgemeines Recht4 Min. Lesezeit2026-04-06

Wie liest und versteht man ein Schweizer Gesetz?

Praxisleitfaden zur Lektüre und Interpretation schweizerischer Gesetze: Struktur einer Gesetzgebung, Hierarchie der Normen, systematisches Sammelwerk und zugängliche rechtliche Quellen.

Letzte Aktualisierung : 2026-04-06

Einführung

Das Lesen und Verstehen eines Schweizer Gesetzes kann für Nicht-Juristen erschreckend erscheinen. Dennoch sind die schweizerischen gesetzlichen Texte logisch strukturiert und kostenlos online verfügbar. Dieses Praxishandbuch erklärt die Hierarchie der Normen, die Struktur eines Gesetzes und die Werkzeuge zur Suche und Verständnis der geltenden Texte.

Die Hierarchie der Normen

Das Schweizer Recht ist nach einer strengen Hierarchie organisiert:

  1. Die Bundesverfassung (BV, RS 101): die oberste Norm, die das gesamte rechtliche System gründet. Sie enthält die Grundrechte, die Staatsorganisation und die Kompetenzen der Konföderation.
  1. Bundesgesetze: von der Bundesversammlung (Parlament) verabschiedet, konkretisieren sie die Verfassungsprinzipien. Beispiele: das Zivilgesetzbuch (ZGB, RS 210), das Obligationenrecht (OR, RS 220), das Strafgesetzbuch (StGB, RS 311.0).
  1. Verordnungen: von dem Bundesrat (Regierung) oder den Departementen verabschiedet, präzisieren sie die Umsetzung der Gesetze. Beispiele: OASA (Verordnung über die Zulassung), OPB (Lärmschutzverordnung).
  1. Kantönisches Recht: kantonale Verfassungen, Kantongesetze und kantonale Verordnungen in den Kompetenzbereichen der Kantone.
  1. Gemeinderecht: Gemeinderichtlinien in den Kompetenzbereichen der Gemeinden.

Das Systematische Sammelwerk (RS)

Jedes Bundesgesetz trägt eine RS-Nummer (Systematisches Sammelwerk). Diese Nummer ermöglicht die Identifizierung und einfache Wiederfindung eines Textes. Die Nummern sind nach Bereichen organisiert: RS 1 (Staat, Volk), RS 2 (Privatrecht), RS 3 (Strafrecht), RS 8 (Gesundheit) usw.

Das gesamte Bundesrecht ist kostenlos auf der Website www.fedlex.admin.ch (früher www.admin.ch/opc) zugänglich. Dort finden Sie die geltenden Texte in den drei offiziellen Sprachen (Französisch, Deutsch, Italienisch), die konsolidierte Version und das Änderungshistorium.

Die Struktur eines Schweizer Gesetzes

Typische Elemente

Ein schweizerisches Gesetz ist allgemein wie folgt strukturiert:

  1. Titel und Präambel: Name des Gesetzes, verfassungsrechtliche Grundlage
  2. Kapitel 1: Allgemeine Bestimmungen (Zweck, Geltungsbereich, Definitionen)
  3. Folgende Kapitel: Regelungen im Kerninhalt, nach Themen geordnet
  4. Verfahrensbestimmungen (falls vorhanden)
  5. Strafrechtliche Bestimmungen (falls vorhanden)
  6. Schluss- und Übergangsbestimmungen: Inkrafttreten, Änderung anderer Gesetze

Artikel, Absätze und Buchstaben

Die Grundeinheit ist der Artikel (Art.). Jeder Artikel kann mehrere Absätze (Abs.) enthalten, die nummeriert sind. Die Absätze können Buchstaben (Buchst. a, b, c...) oder Ziffern (Ziff. 1, 2, 3...) beinhalten.

Beispiel: «Art. 28 Abs. 2 Buchst. a ZGB» bedeutet: Artikel 28, Absatz 2, Buchstabe a des Zivilgesetzbuches.

Wie man das geltende Gesetz findet

Den rechtlichen Bereich identifizieren

Der erste Schritt ist die Identifikation des betreffenden rechtlichen Bereichs: Privatrecht (ZGB, OR), Strafrecht (StGB, StPO), Verwaltungsrecht (VwG, LEI) usw.

Online-Werkzeuge nutzen

  1. Fedlex (fedlex.admin.ch): das offizielle Portal des Bundesrechts
  2. Kantonale Portale: jeder Kanton veröffentlicht sein Recht online (z.B. rsge.ch für Genf)
  3. Bger.ch: die Datenbank der Entscheidungen des Bundesgerichts (Urteile)

Die Rechtsprechung

Die Urteile des Bundesgerichts (BGE) und der kantonalen Gerichte interpretieren Gesetze und präzisieren ihre Anwendung. Die Rechtsprechung ist eine wesentliche Quelle, um den Sinn einer gesetzlichen Bestimmung zu verstehen.

Praktische Lesetipps

Den Artikel vollständig lesen

Lesen Sie niemals einen Absatz isoliert. Lesen Sie den ganzen Artikel und die benachbarten Artikel, um den Kontext zu verstehen.

Die aktuelle Version überprüfen

Gesetze werden regelmäßig geändert. Stellen Sie sicher, dass Sie die aktuelle Version auf Fedlex konsultieren.

Randnotizen beachten

Schweizer Gesetze enthalten oft Randnotizen (Randtitel), die den Inhalt jedes Artikels anzeigen. Diese Notizen sind Teil des gesetzlichen Textes und erleichtern das Navigieren.

Die drei Sprachen nutzen

Die drei sprachlichen Versionen (Französisch, Deutsch, Italienisch) haben gleichen rechtlichen Wert. Bei Abweichungen kann die Vergleichung der Versionen helfen, den Sinn einer Bestimmung zu verstehen.

Schlussfolgerung

Schweizer Gesetze sind zugänglich, strukturiert und kostenlos online verfügbar. Das Wissen über die Hierarchie der Normen und die Struktur der Texte ermöglicht jedem Bürger, sich über seine Rechte und Pflichten zu informieren.

Häufig gestellte Fragen

Wo finden Sie die Schweizer Gesetze im Internet?

Auf dem offiziellen Portal Fedlex (fedlex.admin.ch) für das Bundesrecht und auf den kantonalen rechtlichen Portalen für das Kantonsrecht. Der Zugang ist kostenlos.

Was bedeutet „RS“ in einer gesetzlichen Verweisung?

RS bedeutet systematische Sammlung. Es ist das Klassifikationssystem des Schweizerischen Bundesrechts. Jedes Gesetz trägt eine eindeutige RS-Nummer (zum Beispiel ZGB = RS 210, OR = RS 220).

Haben die drei sprachlichen Fassungen eines Gesetzes den gleichen Stellenwert?

Ja. Die französische, deutsche und italienische Fassung haben den gleichen rechtlichen Wert. Bei Uneinigkeit vergleichen die Gerichte die Fassungen, um den Sinn der Norm zu ermitteln.

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Redaktionelle Anmerkung

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information zum Schweizer Recht. Er stellt keine Rechtsberatung dar und ersetzt nicht die Beratung durch eine Fachperson.

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